DAB+ im Zentrum des SRG-Branchenforums

News 07.06.2018

Das diesjährige SRG-Branchenforum vom 4. Juni in Bern stand ganz im Zeichen von DAB+. Dabei interessierten die rund 130 Besucherinnen und Besucher vor allem zwei Fragen: Wann wird UKW abgeschaltet? Und: Welche Vorbereitungen müssen dafür noch getroffen werden? Klar scheint: Die Umstellung kommt früher als 2024, und offene Baustellen sind vorhanden – wenn auch immer weniger. Ein Augenschein.

Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Mehmet Aytar, Philippe Zahno, Oliver Fueter, Bigna Silberschmidt, Andreas Burgener, Marco Derighetti. (Fotograf: Beni Balsiger)

Als Auftakt sprach Marco Derighetti, Direktor Operationen SRG, über zukünftige Herausforderungen für die SRG. Neben dem Sparprogramm von 100 Mio. Franken nannte er die Notwendigkeit, sich an die stark ändernde Mediennutzung anzupassen. Heutzutage würden mehr individuelle Wahlmöglichkeit sowie orts- und zeitunabhängiger Konsum verlangt. Für DAB+ sieht Derighetti die richtige Zeit gekommen.

Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt

Philippe Zahno, Präsident der Arbeitsgruppe «Digitale Migration» (DigiMig), attestierte der Schweiz gute Rahmenbedingungen für den Umstieg von UKW auf DAB+. Er gab bekannt, dass die Arbeitsgruppe eine UKW-Abschaltung ab 2021 favorisiere und 2022 abschliessen möchte. Auch René Burger, CTO bei SwissMediaCast (SMC), dem grössten privaten DAB+-Netzbetreiber der Schweiz, ist mit seinem Netzausbau auf Kurs. Die Nachfrage von privaten Radioveranstaltern nach DAB+-Verbreitung ihrer Programme scheint ungebrochen. René Wehrlin vom Bundesamt für Kommunikation (Bakom) wies darauf hin, dass die UKW-Technologie bereits 60-jährig sei und langsam in Pension gehen müsse. Für die Digitalisierung sei sie nicht geeignet. «Ohne den Umstieg auf digitales Radio werden Spotify, YouTube und Smartspeaker wie Alexa das Zepter vollständig übernehmen», so Wehrlin.

Das DAB+-Netz wird in Bälde die gleiche Abdeckung wie UKW erreichen. Doch wie sieht es bei den DAB+-Geräten aus? Bezüglich Empfangsempfindlichkeit zeichnete Damien Corti, CTO der SRG, ein durchzogenes Bild: Die Mehrheit der getesteten Kleinradios erreichten die geforderten Empfangsempfindlichkeitswerte, und auch HiFi-Anlagen lieferten gute bis mittelmässige Resultate. Enttäuschend ausgefallen seien hingegen bei den meisten Auto-Nachrüst-Lösungen die Testmessungen, welche die SRG regelmässig durchführt.

Knackpunkt Auto-Nachrüstung

Andreas Burgener, Direktor von auto-schweiz, sieht die Automobilbranche gut vorbereitet in Bezug auf Nachrüst-Lösungen und ist sich der kommenden Nachfrage durchaus bewusst: Rund 75 Prozent oder ca. 3,5 Millionen Personenwagen hätten in der Schweiz noch kein DAB+. Viele würden aber erst umrüsten, wenn das UKW-Netz abgeschaltet sei. Bei Neuwagen sieht er den Käufer in der Pflicht: Internationale Autokonzerne bauten Autos für die ganze Welt. Noch sei DAB+ nicht in allen Ländern soweit wie in der Schweiz. Wer ein DAB+-fähiges Auto wolle, müsse dies aktiv fordern, auch wenn es keinen Aufpreis koste. Man dürfe nicht erwarten, dass ein DAB+-Radio automatisch in der Standardausstattung inbegriffen sei. Die gute Nachricht: 85 Prozent der Neuwagen bieten DAB+ an.

Handlungsbedarf bei den Auto-Nachrüst-Lösungen sieht auch Ernst Werder von der Weer GmbH. Seine Firma hat sich auf Nachrüst-Lösungen spezialisiert und bietet Schulungen für Fachleute an. Das Auto selber nachzurüsten sei für einen Laien anspruchsvoll. Er empfiehlt, einen spezifisch geschulten Fachmann beizuziehen. Doch auch in Fachkreisen sei das Know-how noch zu gering. Deshalb bereitet Weer GmbH mit dem Bakom und dem Autogewerbeverband Schweiz (AGVS) eine Zertifizierung für fachgerechte DAB+-Nachrüstung vor. Nachrüstlösungen zum selber Einbauen seien ab 150 Franken erhältlich, ein zertifizierter Fachmann verrechne ab 350 Franken.

Sind die Konsumenten bereit?

Ob die Konsumenten für die Umstellung bereit sind, blieb umstritten: Ein Forumsgast stellte die breite Akzeptanz in Frage. Negative Äusserungen in den Kommentarspalten von Online-Medien bei DAB+-Berichten würden ein schlechtes Image fördern. Oliver Fueter, Redaktor bei der Konsumentensendung «Espresso», kritisierte, dass die Werbung für DAB+ zu früh begonnen und die Leute eher verwirrt statt aufgeklärt habe. Er unterstrich die Wichtigkeit eines lückenlosen Ausbaus der DAB+-Versorgung und Bekanntgabe eines klaren UKW-Abschaltplans.

Dass die Werbeanstrengungen Wirkung zeigen, unterlegte Luca Giuriato, Vertreter des Marktforschungsunternehmens GfK, mit Fakten: Der Einfluss der Kampagnen auf den Verkauf der Geräte sei gut sichtbar gewesen, und die Bekanntheit von DAB+ sei von 55 auf 89 Prozent gestiegen.

Um den Konsumenten DAB+ verständlicher zu machen, wolle man in der laufenden Kampagne die Elektrofachhändler stärker einbeziehen oder Autoumrüstungen thematisieren. Nora Müller von der Agentur Republica, die im Auftrag des Bundes die DAB+-Kommunikationskampagne «Radio zieht um auf DAB+» führt, nannte diese Schwerpunkte. Durch den Anlass führte «Schweiz aktuell»-Moderatorin Bigna Silberschmidt. Das nächste SRG-Branchenforum findet am Montag, 3. Juni 2019 statt.  

«Die Zeit ist reif für DAB+»

Marco Derighetti, Direktor Operationen SRG und Initiant des Branchenforums, erklärt im Interview, weshalb die Schweiz bereit ist für DAB+ und wie die SRG mit technischen Herausforderungen umgeht. 

Vorweg ein Blick in die Zukunft: Vor welchen technischen Herausforderungen steht die SRG?

Eine der grössten Herausforderungen sehen wir in der dynamischen Entwicklung der Consumergeräte und der Nutzergewohnheiten. Dafür muss die hochoptimierte und industrialisierte Umgebung der SRG noch effizienter und flexibler werden. Früher konnten wir Produktionssysteme jahrelang ohne grosse Anpassungen betreiben. Heute sind die Lebenszyklen kürzer. Bezüglich Rechenleistung und Bandbreite bietet die technische Entwicklung aber grosse Chancen: Unsere Anwendungen lassen sich zunehmend virtualisieren, was uns flexibler macht.

Die Gerätehersteller verkaufen nur noch UHD-Fernseher. Wann sendet die SRG in UHD?

UHD-Fernseher liefern sehr gute hochkonvertierte HD-Bilder und sind auf jeden Fall eine lohnenswerte Investition. Die SRG wird in den nächsten Jahren gewisse UHD-Inhalte produzieren, vor allem sportliche Grossanlässe. Regelmässige Sendegefässe in UHD sind derzeit jedoch nicht geplant. Dies wird frühestens ab 2022 aktuell. Allerdings beobachten wir die Entwicklungen intensiv und werden unsere UHD-Strategien je nach Bedarf anpassen.

Seit der No-Billag-Initiative steht die SRG vermehrt unter Spardruck. Gleichzeitig werden technische Innovationen verlangt. Wie lösen Sie dieses Dilemma?

Wir können mit neuen, digitalen Technologien Kosten senken. Beispielsweise ersetzen wir jetzige Produktionssysteme durch «smartere» Lösungen, die wandelbarer sind. Wo Routinearbeit verlangt wird, prüfen wir Standardisierungs- und Automatisierungs-möglichkeiten. Beispielsweise beim Archivieren von Beiträgen. Im digitalen Bereich gehen tiefere Kosten und Innovation oft Hand in Hand. Auch bei den langfristigen Investitionen in Immobilien erzielen wir mit neuen, innovativen Betriebskonzepten beachtliche Effizienz-gewinne.

Ab 2021 soll mit UKW Schluss sein. Welche Vorbereitungen müssen noch getroffen werden, damit die Umstellung auf DAB+ reibungslos klappt?

Die DAB+-Netze sind bereits sehr gut ausgebaut. In Kürze wird es die gleiche Abdeckung wie UKW erreichen. Auch die Versorgung in den Tunnels wird weiter vorangetrieben. Bis Ende 2019 werden praktisch alle Nationalstrassentunnel mit DAB+-Technologie ausgerüstet sein. Ein weiterer Fokus ist die Nachrüstung bei Autos: Obwohl die Branche schon sehr gute Lösungen anbietet, muss der Druck aufrechterhalten werden, damit sich Garagisten und Endkunden rechtzeitig auf die Umschaltung vorbereiten.

Auf den Schweizer Strassen fahren noch rund 70 Prozent aller Autos mit reinen UKW-Radios. Wieso wird die Um-/Nachrüstung dieser Autos auf DAB+ nicht stärker vorangetrieben?

Die SRG selbst sucht regelmässig den Austausch mit der Autobranche und thematisiert DAB+ im Auto in ihren Informationsmitteln und Ratgebern. Auch die Privatradios sollten ein Interesse daran haben, dass die Autofahrer umrüsten, weil sich dadurch oft ihr Einzugsgebiet vergrössert. Ich stimme aber zu, dass hier noch zu wenig passiert. Zukünftige Informationskampagnen müssen stärker auf diesen Aspekt aufmerksam machen, und auch die Autobranche kann noch aktiver werden.

Als erstes Land in Europa hat Norwegen im vergangenen Jahr komplett auf das DAB+-Netz umgestellt. Was wollen die Schweizer besser machen als die Norweger?

Die Norweger haben erstklassige Pionierarbeit geleistet und sind einige Risiken eingegangen. Wir Schweizer profitieren von einer besseren Ausgangslage: Wir haben das DAB+-Netz bereits ausgebaut, bieten wesentlich mehr Programme als auf UKW und haben die Radiobranche frühzeitig zusammengebracht. Eine Umstellung in den nächsten Jahren ist optimal, weil wir die nötigen Vorbereitungen getroffen haben.

Nach der Umschaltung auf DAB+ werden viele Radiogeräte nicht mehr brauchbar sein. Dieser zusätzliche Elektroschrott belastet die Umwelt. Was wird dagegen unternommen?

Bereits heute konsumieren wir länger Radio auf digitalem Weg als über UKW. Deshalb wird der Technologiewechsel keine Schrottwelle verursachen: es ist ein gradueller Prozess, wie wir ihn täglich bei anderen Konsumgütern wie Handys oder Computer erleben. Die CE-Branche der Schweiz verfügt zudem über ein vorbildliches Recyclingkonzept für ausgediente Geräte.

Die SRG schaltet UKW ab und prüft weitere Einsparungsmöglichkeiten bei den Verbreitungswegen. Ist der Service Public noch gewährleistet?

Selbstverständlich, denn zum Service Public gehört auch die angemessene Anpassung der Verbreitungswege an neue Technologien. Erst mit der Umstellung von Mittelwelle auf UKW wurde es beispielsweise möglich, im Tunnel Radio zu empfangen. Und auch ein Abbau darf nicht nur negativ interpretiert werden. Wenn wir Antennenanlagen abbauen, reduzieren wir auch Elektrosmog und Energieverbrauch.

Gemeinsam mit den Privatradios führt die SRG den Swiss Radioplayer ein. Konkurrenziert sie damit DAB+ direkt?

Nein. Wir betrachten den Player als Ergänzung zu DAB+. Er ist vor allem für jene eine Bereicherung, die bereits über Internet Radio hören. Auch für die Autohersteller ist der Radioplayer attraktiv, weil er praktisch alle Programme in einer einzigen App vereint. Andere werden das Radiosignal weiterhin aus der Luft beziehen. Zusammen mit den Privatradios werden wir bei diesem Branchenprojekt spannende Erfahrungen sammeln können.

Gibt es etwas Neues zu HbbTV?

HbbTV hat für die SRG eine hohe strategische Bedeutung. Einige der SRG-TV-Angebote werden in den nächsten Jahren schrittweise auf diesem Verbreitungsweg verfügbar sein. Das Angebot wird laufend weiterentwickelt und verbessert. Wir konzentrieren uns insbesondere auf grosse Sportanlässe, Livestreams und spannende Zusatzinformationen. Ein Angebot für sinnesbehinderte Menschen ist ebenfalls in Vorbereitung.