SRG SSR

Gremientagung 2009

Gremientagung 2009

Gremientagung 2009

Mit der Gremientagung Ende September in Bern wurde eine weitere Etappe auf dem Weg zur zivilgesellschaftlichen Rolle zurückgelegt. Wegmarken wie «Programm­konzept», «Innen- und Aussenbeziehungen» sowie «medienkritische Sendungen» bildeten Orientierungshilfen für die künftige Arbeit der Trägerschaft. 

Nach der Auslegeordnung durch Projektleiter Niggi Ullrich und der Rekapitulation des Workshops zum Thema «Zivilgesellschaft» im Juni im Luzern durch den Zentralsekretär SRG Willi Burkhalter (vgl. LINK 6/2009) folgten zwei Inputs, einer aus Sicht der Wissenschaft, vertreten durch PD Dr. Joseph Trappel, Universität Zürich, und einer aus Sicht der Praxis, den die Programmchefin von Radio Suisse Romande, Isabelle Binggeli, einbrachte.

Mit drei Kernaussagen umriss Joseph Trappel die anstehenden Aufgaben der Trägerschaft:

  1. Die in den Statuten festgelegten Kompetenzen reichen aus, um die Trägerschaft zur Hüterin des Service public werden zu lassen.
  2. Das Konzept der Zivilgesellschaft ist eng mit dem gesellschaftspolitischen Leben der Schweiz verbunden.
  3. Im Zusammenhang mit den Public Value Tests der EU sollte sich die Trägerschaft auf neue Aufgaben vorbereiten.

Die SRG als öffentlicher Veranstalter hat eine grosse Verantwortung, da sie für einen Interessensausgleich sorgen und zur sozialen und politischen Stabilität beitragen kann. «Im Gegenzug ist sie», so Trappel, «von der Gesellschaft für ihr Handeln zur Rechenschaft zu ziehen.» Entscheidend dabei sind nicht hohe Quoten, sondern täglicher Einsatz, der durch Rechenschaftsberichte belegt wird. Wie die Anforderungsprofile dieser Berichte ausgestaltet werden, um den erforderlichen Diskurs in Gang zu bringen, obliegt der Trägerschaft.

«Schwach institutionalisiert sind», so Joseph Trappel, «Milizorganisationen, die Fernsehzuschauer, Radiohörerinnen, also die gesamte Bevölkerung.» Sie bilden das Rückgrat unseres gesellschaftspolitischen Lebens und sorgen für Identität und Identifizierung. Die SRG ist momentan eng mit den starken Institutionen wie Regierung, Parlament und Verwaltung verwoben. Trappel plädiert für eine Vernetzung dieser beiden Bereiche sowie eine sehr bereite Debatte über den Service public. Die Trägerschaft hat das Heft auch hier in der Hand.

Um die Finanzierung der öffentlichen Radio- und Fernsehveranstalter in der EU zu prüfen, schlägt die Europäische Kommission Public Value Tests für alle öffentlichen Veranstalter vor. Joseph Trappel prognostiziert solche Tests auch für die Schweiz. Darum sollte sich die Trägerschaft auch auf diese programmbezogenen Aufgaben vorbereiten.


Programmkonzept: Was ist das?

Doch das, was die anwesenden Vertreterinnen und Vertreter aus allen Regionalgesellschaften bewegte, waren Klärung und Ein- bzw. Abgrenzung des Begriffs «Programmkonzept». Es blieb nicht beim Definitionsvorschlag von Willi Burkhalter. Während die Programmschaffenden Unabhängigkeit und Kreativität als zentrale Voraussetzung ihrer Arbeit erachten und Einflussnahmen von sich weisen, ist ein Programmkonzept für Joseph Trappel das Ergebnis eines langen Gedankenprozesses innerhalb der Trägerschaft rund um die Leistungen des Service public, der in einer Debatte mit den Programmschaffenden münden muss und soll.

Die Diskussion zeigte drei unterschiedliche Positionen auf :

a.      Die Gremien der Regionalgesellschaft sollen gesellschaftliche Entwicklungen, die für den Service public von Bedeutung sind wahrnehmen und die Programmschaffenden darauf aufmerksam machen. Diese sollen anschliessend autonom die Programmkonzepte entwickeln. Diese Auffassung wurde von der professionellen Seite vertreten.

b.     Zwischen dem Angebot, wie es in der Konzession definiert ist, und seiner Umsetzung besteht nur ein sehr kleiner Spielraum. Die Gefahr besteht deshalb, dass die Regionalvorstände mit den Programmkonzepten in den operationellen Bereich eingreifen könnten. (Votum A. Schefer, P SRG BE/ FR/Oberwallis).

c.     Es besteht genügend Interpretationsspielraum. Definition und Anwendung der Programmkonzepte sind im Dialog zwischen der Regionalgesellschaft und der UE zu entwickeln. Es könnte nicht hingenommen werden, dass die Programmkonzepte «Wolkenschiebereien» wären, und nur langfristig angepasst würden. (V. Baumeler, P SRG.D).


Kompakter, kleiner, kohärenter

Isabelle Binggeli, Programmchefin RSR, sieht es als Aufgabe der SRG-Medien an, mit ihren Sendungen das Zusammenleben zu fördern und «Kitt für eine vielfältige Region» zu sein.  Dass sie mit ihrer Programmpolitik dieser Vielfalt Rechnung tragen, belegen die 250 – 300 Publikums-Mails pro Tag welche allein die RSR erhält. Unabhängigkeit und Kreativität sieht Binggeli als zentrale Voraussetzung für ihre Arbeit. Nur so kann die Unverwechselbarkeit der Programme erreicht werden. Sie stellt qualitative Forderungen bei der Beurteilung von Sendungen an den Publikumsrat, der kompakter, kleiner und kohärenter sein sollte, verlangt argumentative Kritik und einen glaubwürdigen Dialog.


Medienkritische Sendungen

Ausführlich wurde an der Podiumsdiskussion das Für und Wider medienkritischer Sendungen erörtert. Von völliger Ablehnung bis Akzeptanz reichte das Spektrum der Voten. Die Rolle des Publikumsrates inkl. Professionalisierungsgrad wurde ebenso ausgiebig thematisiert wie die Schaffung von Vertrauen, die Voraussetzung für glaubwürdigen Dialog und konstruktive Kritik darstelle.

Der Regionalpräsident SRG.D Viktor Baumeler und Jean-Bernard Münch (Präsident SRG SSR) waren sich einig, dass die Richtung formuliert ist, die Konkretisierung nun anstehe und alle Beteiligten ihren Beitrag dazu leisten müssen.


Ausblick und nächste Schritte

Niggi Ullrich resümierte die Tagung und erläuterte planerische Aspekte.


Thematische Denkpunkte

  • Programmkonzepte müssen definiert werden
  • Berichte anstatt Quoten
  • Debattierfähigkeit erringen und die Bereitschaft zum Diskurs entwickeln
  • Offenheit und Öffentlichkeit
  • Sich als Bindglied zwischen «starken» und «schwachen» Institutionen verstehen
  • Auf Augenhöhe mit den «Professionellen» kommen (Vertrauensverhältnis)
  • Unabhängigkeit versus Hoheit
  • Bürger oder/und Konsument ansprechen (?)
  • Public Value Test für die SRG lancieren (?)
  • Menschen anstatt Mitglieder (auch ein Management für Nichtmitglieder)


Planerische Aspekte

  • Bildung von regionalen Planungsteams, die als «porteur du projet» in Erscheinung treten; das Projekt braucht «ein regionales Fähnlein der Aufrechten», die in der SRG-Öffentlichkeit als Mandatare wahrgenommen werden.
  • Revision der regionalen Trägerschaftsstatuten
  • Erstellung regionalspezifischer Aktionsprogramme (für 1-2 Jahre).
  • Anpassung der regionalen Trägerschaftsstrukturen: organisatorisch, personell und finanziell
  • Ausarbeitung von Anträgen an den VR zuhanden der Delegiertenversammlung (Juni 2010)
  • Zugleich die Parallelität zur Medienkonvergenz beachten
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