Aktuelle Position

Felix Bollmann

Felix Bollmann
Felix Bollmann oder ein Leben zwischen zwei Passionen : der humanitären Hilfe und dem Radio. Nach intensiven Berufsjahren im Zeichen der Entwicklung und Kooperation übernahm Felix Bollmann die Leitung von Espace 2, um anschliessend zur Generaldirektion der SRG zu wechseln, wo er als Leiter Referat Radio tätig war. Doch erst als Direktor der Glückskette hatte er die Gelegenheit, beide Passionen gleichzeitig zu leben. Im Dezember 2011 tritt Felix Bollmann nach 12 Jahren an der Spitze dieser Stiftung zurück. Zeit für ein Fazit.
Daniela Wittwer, Unternehmenskommunikation SRG
SRG SSR: Die humanitäre Hilfe zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Berufsleben. Was bedeutet Ihnen diese Tätigkeit?
Felix Bollmann: Vor der Zeit bei Radio Suisse Romande war ich fast zwei Jahre lang für die DEZA tätig, vor allem im humanitären Bereich (1983 Interventionskoordination in Ghana), im Tourismus und in der Entwicklungszusammenarbeit (Indien, Himalaya und Bhutan). Die Arbeit bei der Glückskette bildete eine Art Brückenschlag zwischen der Welt der Medien und derjenigen der humanitären Hilfe. Humanitäre Hilfe heisst für mich Menschen zu unterstützen, die vor allem nach Naturkatastrophen für eine bestimmte Zeit auf Hilfe angewiesen sind. Diese Tätigkeit ist ein Beruf mit eigenen Regeln, Anforderungen und ethischen Vorgaben.
Die Glückskette setzt sich seit 65 Jahren für Opfer von Naturkatastrophen, für Kinder und für Bedürftige in der Schweiz ein. Eine lange Zeit also. Gibt es dafür ein Rezept ?
Nein, ein Rezept dafür gibt es nicht. 1946 oder zu Beginn der Fünfzigerjahre hätte niemand gedacht, dass die Glückskette so lange Bestand haben würde. Doch man könnte von einer gelungenen Verbindung sprechen, die diese Langlebigkeit begünstigte : Das Publikum hat grosses Vertrauen in die Programme der SRG und in die Stimmen der Menschen, die zu den Sammelaktionen aufrufen. Dazu kommt die professionelle Organisation sowohl von Seiten der Glückskette als auch von Seiten ihrer ausländischen Partnerorganisationen und der Hilfswerke in der Schweiz. Ohne das Engagement der SRG, ihrer Programmschaffenden und des gesamten Mitarbeiterteams bei Technik und Support, die ihr bei jedem Aufruf zur Seite stehen, würde es die Glückskette gar nicht geben. Umgekehrt ist die Glückskette selbst Teil der Glaubwürdigkeit wenn nicht gar ein Glaubwürdigkeitstest für die Programme. Implizit lautet die Botschaft :«Doch, wenn wir uns zusammentun, können wir etwas bewirken angesichts der schrecklichen Bilder, die uns durch die Kriegs- und Katastrophenberichterstattung erreichen.»So gesehen ist die Glückskette heute nicht nur 65 Jahre alt, sondern auch stark – stärker denn je. Jedenfalls ist dies nicht der richtige Zeitpunkt, um sich auf den Lorbeeren auszuruhen.
Werte wie Solidarität und Mitmenschlichkeit scheinen in dieser von Individualismus geprägten Gesellschaft an Bedeutung verloren zu haben. Wie steht es mit der Grosszügigkeit der Schweizer?
Ich finde nicht, dass diese Werte an Bedeutung verloren haben, im Gegenteil. Sie sind allenfalls Veränderungen unterworfen. Die Schweizer sind sogar ausgesprochen grosszügig, und ihre Grosszügigkeit wird durch die Hilfsprogramme in sinnvolle Bahnen gelenkt. Die Schweizer Spender gehören je nach Aktion zu den drei grosszügigsten der Welt, zusammen mit den Norwegern und Holländern.
In den letzten Jahren haben die Naturgewalten besonders hohe Opfer gefordert. Tsunamis und Erdbeben hatten verheerende Auswirkungen, und der Weltfriede ist in weiter Ferne. Ist das nicht manchmal frustrierend?
Doch, das ist sehr frustrierend, doch wir können etwas tun, um das Leben der Betroffenen zu verbessern. Die Überzeugung, dass Hilfe sinnvoll ist, trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten, hilft uns, unsere Arbeit fortzusetzen. Am schlimmsten sind die Kriege.
Im Januar werden es zwei Jahre her sein, dass Haïti von einem Erdbeben erschüttert wurde. Wie weit ist man mit dem Wiederaufbau?
Die Arbeiten kommen trotz aller Widrigkeiten wie Wirbelstürmen, schweren Regenfällen oder schwachen staatlichen Strukturen voran. Die grossen Wiederaufbauprojekte nehmen Gestalt an, wenn auch langsam. In einem ersten Schritt ging es darum, unmittelbar nach dem Erdbeben und wegen der Cholera Nothilfe zu leisten. Dann mussten die fehlenden staatlichen Dienstleistungen (zum Beispiel die medizinische Versorgung) von internationalen Akteuren übernommen werden, doch heute ist der Wiederaufbau in vollem Gang.
Mitte Dezember wird zusammen mit SRF zum dritten Mal die Aktion «Jeder Rappen zählt» durchgeführt. Welche Vorteile hat diese neue Form des Spendenaufrufs?
JRZ ist eine Programminitiative von SRF (DRS 3, SF 2 und den Online-Medien). Die Glückskette wird sich erneut nach Kräften bemühen, zum Erfolg der Aktion beizutragen. Wie oft waren wir nicht schon selbst auf diese Zusammenarbeit angewiesen…
Dank JRZ können Gelder für Anliegen und Personen gesammelt werden, die nicht im Brennpunkt der Aktualität stehen, aber dennoch dringend Unterstützung brauchen. Dass die Hilfsfonds so rasch zustande kamen zeigt, wie gut die Zusammenarbeit zwischen der Glückskette und JRZ funktioniert.
Welche Rolle spielen generell gesehen Radio und Fernsehen bei den Spendenaufrufen?
Die Glückskette hat sich ja aus einem Radioprogramm heraus entwickelt. Das Engagement der SRG ist sowohl bezüglich Reputation wie Höhe der Spendengelder entscheidend. Ohne SRG gäbe es keine Glückskette, jedenfalls nicht in ihrer heutigen Form. Noch wichtiger als die Mitwirkung der Sender ist das Engagement der Personen, welche die Glückskette am Radio verkörpern: Jean-Marc Richard, Ladina Spiess, Claudia Cathomen, Carla Norghauer oder Michele Ferrario.
Als Direktor der Glückskette waren Sie mit Not und Elend direkt konfrontiert. Hat diese Erfahrung Ihre Lebenseinstellung beeinflusst?
Der Blick auf die Not hat meinen Blick auf das Leben nicht verändert. Doch er relativiert die Alltagssorgen und bestärkt uns darin, nicht aufzugeben, sondern dranzubleiben. Die SRG-Mitarbeitenden, die sich für diese Sache einsetzen, leisten wirklich sinnvolle Arbeit.
Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz ?
Ich bin auf viele Projekte stolz. Eines davon ist das grosse Fischerdorf in Südindien, das am 26. Dezember 2004 mehr oder weniger dem Erdboden gleichgemacht wurde. Caritas hat Nothilfe geleistet und das Dorf wieder aufgebaut. Alle Bewohner erhielten ein Haus, alle das gleiche. Heute unterscheidet sich das Dorf kaum mehr von anderen. Die Häuser wurden zum Teil neu gestrichen und umgebaut, Fernsehkabel wurden eingezogen, Gemüse- und Blumengärten angelegt und Schatten spendende Bäume gepflanzt. Am Strassenrand sind Motorräder und gelegentlich ein kleines Auto parkiert, neue Häuser kamen dazu und mit ihnen neue Bewohner, und zu guter Letzt erhielt das Dorf eine Bushaltestelle und eine Postleitzahl. All das begann bildlich gesprochen mit einem Spendenaufruf am Radio und Fernsehen der SRG. Mehrere Hundert Fischer, die vor sechs Jahren alles verloren hatten, leben heute unter Bedingungen, die für uns alle durchaus annehmbar wären.
Und welches ist das schönste Bild für Hoffnung ?
Das Bild einer Versammlung in einem indischen Dorf, das in den Neunzigerjahren, also lange vor meiner Amtszeit bei der Glückskette, unterstützt und wieder aufgebaut wurde. Als ich dieses Dorf besuchte, erhob sich ein kleiner Mann in einem einfachen Lendenschurz und gab eine lange Erklärung ab. Die Übersetzung ergab Folgendes: «1996 haben Sie uns geholfen. 2003, nach dem Erdbeben in Gujarat, mieteten die Dorfbewohner einen Lastwagen und zwanzig Männer machten sich mit Werkzeug und Lebensmitteln auf, um in einem 1000 km entfernten Dorf bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Nach acht Tagen riefen die Frauen an und sagten, der Reis müsse geerntet werden, und wir gingen wieder nach Hause. Die Lebensmittelvorräte, die wir mitgenommen hatten – wir wollten nicht von den Opfern abhängig sein – hatten gerade gereicht». Dieser kleine Mann, dessen Alter und Namen wir nicht kennen, hat den Geist der ersten Glückskette-Sendung von 1946 in Lausanne voll und ganz begriffen.
Welches sind die wichtigsten Themen, denen sich Ihr Nachfolger Tony Burgener wird stellen müssen?
Die Welt verändert sich, und zwar rasant. Ich spreche hier nicht nur von der Welt der Medien, sondern auch von der Welt der humanitären Hilfe, in der ganz ähnliche Phänomene zu beobachten sind. Grosse, professionell aufgebaute Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) sind im Entstehen, die Ton und Tempo vorgeben, neue Akteure, zum Beispiel indische NGO, die im Ausland tätig sind, Armeen, die humanitäre Hilfe leisten, aber auch «humanitär zuschlagen»… Ich freue mich sehr, dass mein Nachfolger jemand ist, der sowohl im Sammeln von Spenden, aber nach zehn Jahren beim IKRK auch in der humanitären Hilfe über eine immense Erfahrung verfügt. Für die SRG ein Ansprechpartner erster Güte, der die Verbindung zwischen Service-public-Veranstalter und Stiftung bestens kennt. Auch bei der Sammeltechnik wird es erhebliche Veränderungen geben. In diesem Staffellauf der humanitären Hilfe übergebe ich ihm den Stab in der Hoffnung, dass er ihn noch sehr viel weiter tragen wird.
Und vor welchen Herausforderungen stehen Sie ?
Zuerst muss ich mich an die Idee, Rentner zu sein, gewöhnen. Ich werde auch wieder etwas arbeiten, am liebsten in einem kulturell ausgerichteten NGO, und dann möchte ich ein Haus bauen.
Infobox
Die von der SRG SSR gegründete Stiftung Glückskette sammelt seit 1946 Spenden für Menschen in Not. Da die Glückskette selbst kein Hilfswerk ist, führen rund 30 akkreditierte Schweizer Partnerhilfswerke die operationellen Aktionen aus.
2011 war die Glückskette in 231 Projekten in 57 Ländern mit einem Gesamtbetrag von rund 136,5 Millionen Franken engagiert. (Stand 21.11.11)
Links
Aktuelles
Neuauflage der Vereinbarung mit der SRG (10.01.2012)
Videoclip «Glückskette»
Wie funktioniert die Glückskette? Der Videoclip «Glückskette» zeigt's.

