SRG SSR

Radio in bester Qualität

Interview mit Béatrice Merlach, CEO von MCDT AG

Beatrice Merlach

Béatrice Merlach, CEO von MCDT AG

Digitalradio (DAB/DAB+) ist auf Erfolgskurs und wird den UKW-Empfang längerfristig ablösen. 2006 standen knapp 15 000 Digitalradio-Geräte in Schweizer Haushalten, heute sind es bereits 750 000. Béatrice Merlach, CEO von MCDT AG (Marketing and Consulting for Digital Broadcasting Technologies), eine Tochtergesellschaft der SRG SSR, über den aktuellen Stand von Digitalradio in der Schweiz.


Von Imelda Lütolf, Unternehmenskommunikation SRG SSR


SRG: Wo steht die Schweiz punkto Verbreitung Digitalradio?
Béatrice Merlach: Das DAB/DAB+-Netz ist heute ebenso gut ausgebaut wie das UKW-Netz: Aktuell werden 99 Prozent der Fläche der Schweiz abgedeckt und über 90 Prozent der Bevölkerung versorgt. Zurzeit sind in der Schweiz je nach Sprachregion zwischen 12 und 30 Radioprogramme über Digitalradio empfangbar – SRG-Programme wie private Radiosender.


Die positive Entwicklung in unseren Nachbarländern sowie in Europa wird den weiteren Durchbruch von Digitalradio in der Schweiz, speziell auch bei Autoradio, unterstützen: So sind seit dem 1. August 2011 in Deutschland bundesweit zwölf Programme zu hören. Das Digitalradio-Netz erreicht in der ersten Ausbauetappe 40 Millionen Hörerinnen und Hörer. Auch Frankreich hat den Digitalradio-Testbetrieb dieses Jahr aufgenommen.


Apropos Ausland: Wo in Europa kann man derzeit Digitalradio hören?
In Ländern wie Belgien, Dänemark, Grossbritannien, Holland, Italien, Malta und Norwegen sind DAB/DAB+-Netze in Betrieb. Norwegen wird übrigens als erstes Land in Europa UKW per Ende 2016 abschalten. Nebst Frankreich befinden sich Irland, Kroatien, Polen, Portugal, Schweden, Spanien, Tschechien und bald auch Österreich in der Testphase. Auch weltweit gibt es immer mehr Länder wie zum Beispiel Australien oder Hongkong/China, die auf DAB+ setzen.


Sie sprechen von DAB und DAB+. Worin unterscheiden sich eigentlich die beiden digitalen Verbreitungsarten?
DAB steht für «Digital Audio Broadcasting», also für die digitale Verbreitung von Audiosignalen über Antenne. DAB wurde vor über zwanzig Jahren entwickelt und vor zehn Jahren das erste Mal eingesetzt. Die Technologie wurde kontinuierlich weiterentwickelt. So existiert seit 2006 neben der Grundtechnologie DAB die neuere Technologie DAB+. Damit wurde der Empfang von noch mehr Programmen in noch besserer Soundqualität möglich. Das + erlaubt es zudem, mehr programmbegleitende Zusatzinformationen in Text und Bild zu übermitteln – beispielsweise Verkehrsdaten, Wetterkarten, Titel und Interpret/in, Albumcover oder Nachrichtenschlagzeilen. Ende 2012/Anfang 2013 wird DAB+ die ältere DAB-Technologie in der Schweiz abgelöst haben. Begleitet wird dieser Umstieg mit einem teilweisen Parallelbetrieb von DAB und DAB+ bis Ende 2015.


Welche Meilensteine konnten bis heute in der Schweiz verzeichnet werden?
Im November 2007 ging DRS 4 News über DAB/DAB+ auf Sendung. Ende 2008 wurde die DRS Musikwelle auf DAB/DAB+ migriert. Zuvor war sie über den Mittelwellensender Beromünster verbreitet worden, der stillgelegt werden musste. Im Dezember 2010 folgte die Abschaltung des Mittelwellensenders Sottens, und das Programm Option Musique wird seither nur noch in der Region Genf über UKW ausgestrahlt. In den restlichen Regionen ist Option Musique über die Luft über DAB/DAB+ empfangbar. Neben diesen Ereignissen haben konsequentes Marketing, eine intensive Zusammenarbeit mit Herstellern, Importeuren und dem Handel sowie umfassende Begleitinformation in der Schweiz dazu geführt, dass sich die Verkäufe von Digitalradio-Empfängern innert kurzer Zeit vervielfacht haben. Inzwischen sind über 130 Digitalradiomodelle in allen Preiskategorien erhältlich. Auch der Automobilbereich setzt immer mehr auf DAB+: Alle deutschen Autohersteller bieten heute DAB+-Autoradios an, weitere Autohersteller folgen 2012.


Welches sind die grossen Vorteile des Digitalradios gegenüber UKW?
Digitalradio bietet nebst einer hohen Klangqualität auch grosse Programmvielfalt. Pro Sendegebiet sind alle bisherigen UKW-Programme empfangbar. Zusätzlich können auch Programme gehört werden, die bisher nur über Kabel, Satellit oder Internet verbreitet wurden, nicht aber über die Luft. Weiter gestaltet sich die Bedienung sehr einfach: Sender werden automatisch gesucht und gespeichert. Auch das Knistern und Rauschen gehört der Vergangenheit an. Radiosender können zudem zahlreiche Zusatzdienste nutzen und damit Daten in Form von Text und Bild übertragen. Schliesslich ist Digitalradio als Technologie kosten- und umweltfreundlich, wenn man die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet: Es benötigt gerade mal zehn Prozent der Energie, die Radiohören über UKW verschlingt, weil unter anderem für die Verbreitung nur rund 250 Antennen benötigt werden. Für UKW sind derzeit ca. 850 Antennen in Betrieb.


Bei UKW war die Anzahl der verfügbaren «Sendeplätze» begrenzt. Ist im digitalen Bereich die «Freiheit nun grenzenlos»?
Ja und Nein. Auf einem sogenannten DAB+-Multiplex (Layer) haben rund 12 bis 18 Programme Platz, abhängig von der Tonqualität, in der die Programme senden, sowie von nicht radiospezifischen Zusatzdiensten wie zum Beispiel der Übermittlung von Bildern usw. Schweizweit sind sieben Layer geplant. Zur Zeit ist gesamtschweizerisch ein Layer in Betrieb, in der Deutschschweiz sind es zwei Layer.


Auf DAB+ sind aber nur wenige Privatradios empfangbar, für viele Hörerinnen und Hörer sicherlich ein gewichtiger Nachteil des Digitalradios. Ist eine Lösung in Sicht?
Seit diesem Frühjahr verbreiten neu auch Radio Argovia, Radio Top, Radio Central, Radio Sunshine und Radio 24 ihre Programme via Digitalradio. In der Deutschschweiz sind damit aktuell bereits 13 Privatradios überregional empfangbar. Weitere haben ihr Interesse angemeldet. Die SwissMediaCast, welche unter anderem die Aufschaltung der Privatsender auf Digitalradio koordiniert, muss sogar eine Warteliste führen.


Weiter sind in der Deutschschweiz in naher Zukunft auch kleinere Regionalnetze geplant. Diese bieten einerseits Privatradios Platz, die kleinräumig organisiert sind und lokal senden, andererseits kann die SRG ihre Regionaljournale darüber verbreiten. Bis anhin konnten diese nicht mit Digitalradio empfangen werden. Auch in der Romandie besteht seitens Privatradios ein erhebliches Interesse. Bestrebungen für den Aufbau von Multiplexen und kleineren Netzen sind bereits in Gang.


Wie sieht es mit dem Empfang ausländischer Programme aus?
Funkfrequenzen sind – historisch bedingt – nur innerhalb nationaler Grenzen nutzbar. Zudem wurde an der ITU Regional Radiocommunication Conference 2006 international der Beschluss gefällt, möglichst viele digitale Radiosignale pro Land zu nutzen. Eine Versorgung über Landesgrenzen hinweg ist deshalb nicht möglich.


Wann wird Radio voraussichtlich nur noch digital empfangbar sein?
Wie bereits andere europäische Länder hat auch die Schweiz zusammen mit dem Bakom erste Überlegungen angestellt, wie ein allfälliger branchenweiter und mit dem Ausland koordinierter UKW-Ausstieg aussehen könnte. Konkrete Pläne und Zeitangaben existieren jedoch noch keine. Fakt ist, dass DAB+ wesentlich umweltfreundlicher und wirtschaftlicher ist als UKW und es sich deshalb früher oder später auszahlen wird, Digitalradio zu fördern.


UKW war gute 80 Jahre lang die Technologie. In den letzten Jahren haben sich die Entwicklungen im Radiobereich beschleunigt. Welche Innovationen zeichnen sich ab?
Eine Weiterentwicklung von DAB+ zu einem neuen Format ist aus heutiger Sicht kein Thema. Der Radioempfang der Zukunft wird sich so oder so auf viele verschiedene Verbreitungsarten beziehungsweise Technologien verteilen: UKW beziehungsweise DAB+, Kabel, Internet und Satellit. Die Zukunft gehört deshalb den Hybrid-Radiogeräten, die verschiedenste Empfangsarten kombinieren. Derzeit lancieren weltweit bekannte Hersteller wie Sony, Philips, Grundig oder Yamaha beinahe im Wochentakt neue Digitalradio- und Hybrid-Geräte. Diese wachsende Gerätevielfalt wird wiederum die Entwicklung von Digitalradio in der Schweiz beschleunigen.


Was ist in nächster Zukunft geplant, um Digitalradio in der Schweiz weiter zu etablieren?
MCDT plant mit ihren Partnern und dem Handel laufend Aktionen, um die neue Radiotechnologie einer breiten Bevölkerung vorzustellen und Jung und Alt davon zu überzeugen. Derzeit läuft in der Deutschschweiz das Projekt «Radiowerkstatt»: Seit Anfang September bauen und gestalten rund 500 Schülerinnen und Schüler im Werkunterricht ihr eigenes Digitalradio. Dadurch sammeln sie handfestes Wissen über die Radiotechnologie der Zukunft. Zudem wird ab Anfang Oktober die neue, breit angelegte und crossmediale Digitalradio-Kampagne starten und gleichzeitig auch das neue Informationsportal digitalradio.ch online gehen. Diese Massnahmen sollen dazu führen, dass sich 2012 eine Million Digitalradiogeräte im Markt befinden.

 

MCDT engagiert sich für digitale Übertragung

MCDT – Marketing and Consulting for Digital Broadcasting Technologies – bündelt alle Kräfte rund um DAB-Digitalradio in der Schweiz und vernetzt die Branche (Hersteller, Importeure, Handel, Privatradios, Autoindustrie, Mobiles). Insbesondere entwickelt und realisiert MCDT Massnahmen im Bereich Marketing, Kommunikation und Promotion. Hinzu kommen Beratungen und Spezialprojekte für neue digitale Übertragungsvektoren im In- und benachbarten Ausland. MCDT AG ist eine 100-prozentige Beteiligung der SRG-Tochter Telvetia.

(13.09.2011)

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